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Phantasie eines Autors
von Ansgar Sebastian Klein
Paul Ziegler saß im Vorzimmer des Großverlegers Hubert Bertram und wartete. Die Sekretärin hatte ihn angemeldet und beobachtete ihn ab und zu mit einem mitleidsvollen Blick. Eine Tasse Kaffee hatte er abgelehnt. Wenn er rauchte, wäre dies der Augenblick, an dem er dringend eine Zigarette benötigt hätte. Zum erstenmal bedauerte er es, Nichtraucher zu sein.
Von mehr als zwei Dutzend Verlagen hatte er bis jetzt Ablehnungen bekommen. Immer wieder war das dicke Paket mit seinem Manuskript an den Absender zurückgeschickt worden, manchmal postwendend, so daß er sich fragte, ob es überhaupt gelesen worden war. Wenn es länger dauerte, schlich sich die Hoffnung ein, diesmal könnte es einen interessierten Lektor oder Verleger gefunden haben; doch jedesmal war er enttäuscht worden, letztlich kam nicht der erwartete Brief mit dem Vertrag, sondern der Postbote klingelte mit dem wohlbekannten Paket.
Noch eine Absage konnte er nicht verkraften. Aufgeben wollte er aber auch nicht, also hatte er überlegt auf welchem Weg er sein Manuskript doch noch verkaufen konnte. Dann war ihm die Idee gekommen.
"Sie können jetzt herein", teilte die Sekretärin ihm mit.
Er stand auf, nahm seine Mappe und schritt auf die schwere Tür zu. Nach kurzem Klopfen trat er ein. Jetzt kam es ganz auf ihn an.
Bertram, den Ziegler nur von Fotos her kannte, saß hinter einem großen Schreibtisch. Ein Selfmademan, der seinen Verlag an die Spitze geführt hatte, rastlos, immer auf dem Sprung. Er stand auf, als der junge Autor den Raum betrat und umrundete sein Arbeitsmöbel.
"Sie sind Paul Ziegler?"
Der junge Mann nickte.
Der Verleger schüttelte ihm energisch die Hand.
"Setzen Sie sich doch." Bertram wies auf eine Sitzgruppe um einen niedrigen Tisch. "Der Lektor, Herr Jensen, kommt auch gleich."
Sie nahmen Platz.
Ziegler rutschte verlegen auf dem Ledersessel hin und her.
"Sie kennen Herr Jensen sicher."
"Tut mir leid." Ziegler schüttelte den Kopf.
Kurze Zeit später erschien der Lektor, ein dünner Mann mit Brille.
Bertram forderte Ziegler auf, sein Anliegen vorzutragen.
"Bitte."
"Ich bin der Agent eines amerikanischen Autors", begann der junge Autor, "ich habe hier das unveröffentlichte Manuskript, um es ihnen exklusiv anzubieten."
"Wie ist der Name ihres Klienten?" wollte Bertram wissen.
"Sam Miller", antwortete er.
"Nie gehört", bekannte Bertram und sah zu Jensen hinüber, dich auch der schüttelte den Kopf.
"Es ist ein Pseudonym", fügte Ziegler rasch hinzu.
"Natürlich", nickte Bertram und lächelte. Klang da nicht Spott in seiner Stimme mit?
Ziegler holte eine Mappe hervor, entnahm ihr einige eng beschriebene Blätter und reichte sie seinem Gegenüber.
"Hier ist ein Exposé des Romans."
Während Jensen das Blatt mißtrauisch beäugte, hatte Bertram kein Auge dafür.
"Das Manuskript ist in den USA bereits für eine äußerst hohe Summe aufgekauft worden", sagte der junge Autor hastiger, als er es beabsichtigte.
"Von welchem Verlag?" wollte Bertram wissen.
Ziegler nannte den Namen des amerikanischen Verlages, der das Werk seines Lieblingsautors und Vorbildes betreut wurde.
Jensen riß die Augen auf.
"Wie stellen Sie sich unser Geschäft vor?" fragte Bertram, ehe der Lektor etwas sagen konnte.
"Meine Bedingungen sind folgende: ein Garantiehonorar, das nicht zurückgezahlt werden braucht, eine Startauflage von, sagen wir, 10.000 Exemplaren, eine fünfzigprozentige Beteiligung an allen Nebenrechten."
Bertram nickte. Jensen hob einen Finger, um etwas zu sagen, wurde jedoch von seinem Chef mit einem Wink zurückgehalten.
"Das wäre alles?"
Ziegler lächelte.
"Nein, ganz und gar nicht."
"Was also noch?"
Bertram lehnte sich gespannt vor, sah Ziegler erwartungsvoll an.
"Ich wünsche die gleiche Vermarktung, die anderen US-Bestsellerautoren zu Gute kommt", betonte der junge Autor, "einen Werbeetat von mindestens einer Million DM."
Der Verleger zog eine Augenbraue hoch.
"Das ist doch..." erregte sich Jensen.
"Ist das alles?" unterbrach ihn der Verleger.
"Aber...", protestierte der Lektor heftig.
Der Verleger hob abwehrend eine Hand in seine Richtung.
"Ja, das sind die Bedingungen", sagte der junge Autor fest.
"Wir werden sie prüfen", sagte der Verleger, "und melden uns dann bei Ihnen."
"Nein", der junge Autor schüttelte den Kopf", entweder Sie sagen jetzt zu, oder ich nehme das Manuskript wieder mit."
Der Lektor rang nach Luft.
Der Verleger überlegte einen Moment.
"Einverstanden", entschied er dann.
Jensen öffnete den Mund, sagte aber nichts.
Alle drei standen auf. Bertram verabschiedete Ziegler herzlich, begleitete ihn hinaus.
"Sie wissen genausogut wie ich, daß alles, was dieser Kerl erzählt hat, hinten und vorne nicht stimmt", platzte der Lektor heraus, sobald sich die Tür hinter Ziegler geschlossen hatte, "dieses Manuskript ist unserem Tochter-Verlag in den USA nicht einmal angeboten worden."
"Und wenn schon", grinste Bertram.
"Wie können Sie dann diesem Kerl solche Zugeständnisse machen? Sie wissen ja noch nicht einmal, wer der Autor dieses Werkes ist."
"Ich denke, mit dem Autor haben wir gerade gesprochen", meinte Bertram.
"Sie glauben...", Jensen sah ihn fassungslos an, "aber einen Paul Ziegler kennt niemand. Sie haben soeben ein Manuskript gekauft, ohne es richtig zu prüfen."
"Das mag schon stimmen, aber sehen Sie doch mal was für eine erstaunliche Phantasie dieser junge Mann hat, um sein Manuskript loszuwerden", lächelte der Verleger, "und wenn das Buch hält, was der Autor verspricht, wird es ein Erfolg, und dann kennt jeder Paul Ziegler."
© 16.2.1999 by the author