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Herbstlaub

von Ansgar Sebastian Klein

Der Herbst war gekommen. Die Bäume färbten sich. Gelb und braun leuchtete ihr Blätterkleid, und der Wind fuhr dazwischen, zupfte und zerrte, mal verführerisch, mal aufdringlich warb er um sie wie ein ungestümer Verehrer. Hatte er Erfolg, fegte er die gefallenen Blätter in wirbelnden Stößen vor sich her.

Mitten in der lärmenden Stadt lag der Friedhof. Das von hohen Hecken, Sträuchern und Bäumen umgebene Gelände glich einem weitläufigen Park, wären da nicht die Gräber gewesen. Sorgfältig gepflegt, bildete jedes von ihnen eine kleine bunte Insel im grünen Meer des kurzgeschnittenen Rasens. Ein frischer Grabhügel war über und über mit Kränzen und Blumen bedeckt. Die mit Trauerflor und letztem Gruß geschmückten weißen Schleifen bewegten sich müde im Wind, der hier, scheinbar aus Achtung vor den Toten, nicht mit voller Macht blies.

Das angerostete Tor quietschte, und der graue Split knirschte stumpf unter den bedächtigen Schritten des alten Mannes, der zielstrebig die verschlungenen, labyrinthartigen Wege entlang ging. Manchmal setzte das Geräusch vor einem Grab aus, doch bald war es wieder zu hören. Schließlich verstummte es ganz.

Der Mann stand still vor einem Grab. Er las die Inschrift des schlichten Steines, betrachtete die verwelkten Blumen. In der Hand hielt er einen frischen Strauß. Er bückte sich mühsam, zog die mit ihren traurig hängenden Köpfen armselig aussehenden Blumen aus der Vase und ersetzte sie. Dann richtete er sich langsam wieder auf, kontrollierte sein Werk und nickte zufrieden, den alten Strauß in der Hand haltend.

Einige Minuten verharrte er. Es schien, als ob er auf ein Zeichen wartete, eine Antwort, doch nur der Wind bewegte leicht den frischen Grabschmuck.

Der alte Mann blickte auf und sah zu den anderen Gräbern hinüber, auf denen ebenfalls Blumen standen. Auf einer Anzahl von ihnen brannte das Ewige Licht, bei vielen war es erloschen. Er erkannte, daß manche Gräber nur wenig oder gar nicht gepflegt wurden, einzelne waren völlig verwildert, und die Grabsteine ragten schief aus dem hoch sprießenden Unkraut heraus.

Noch einmal betrachtete der Alte das Grab vor seinen Füßen. Dann wandte er sich davon ab und ging auf eine nahe Baumgruppe zu. Er betrat den sauber geschnittenen Rasen und erreichte die einstmals mit grüner Farbe gestrichene Holzbank, die im Schatten zweier mächtiger Eichen stand. Ein paar gelbbraune Blätter lagen auf der Sitzfläche. Der Mann fegte sie mit seiner freien Hand sorgfältig herunter und ließ sich nieder. Von hier aus konnte er das Grab seiner Frau, das einmal auch ihn aufnehmen würde, gut sehen.

Während er so saß, und seine Augen auf die Stätte der letzten Ruhe gerichtet waren, stieg die schmerzvolle Erinnerung in ihm auf. Mit Macht traten die Bilder der letzten gemeinsamen Tage vor ihn hin. Er sah wieder ihren schmalen Körper auf dem riesig wirkenden Krankenhausbett, sah ihr blasses Gesicht, die geschlossenen Augen, die Entspannung in ihren Zügen, als alles vorbei war.

Ein unsichtbares Band zog sich um sein Herz zusammen. Die schon ewig währende, beunruhigende Ungewißheit hatte sich zur drückenden Gewißheit gewandelt. Der Verlust, dunkel geahnt und nur mit Anstrengung verdrängt, war eingetreten. Das Schreckliche der vielen Tagträume war über Nacht wahr geworden.

Tief in seinem Innersten hatte er gehofft, er möge zuerst sterben, denn er fürchtete die Trennung von ihr mehr als den Tod. Der Tod, das war die Erlösung von allen Leiden.

Oft, vielleicht zu oft, hatte er darüber nachgegrübelt, und nie war seine Seele so aufgewühlt gewesen, als wenn er über seine Liebe, die sein Leben bedeutete, die drohende Wolke zu spüren glaubte. Schon seit seiner Jugend hatte sie ihn begleitet.

Da war der kleine Hund gewesen, den er so geliebt hatte. Tag und Nacht rannte der eine hinter dem anderen her, zwei Unzertrennliche, voll Übermut und Wildheit. Sie teilten sich das karge Essen und das Bett, wärmten sich gegenseitig, und sie trösteten einander, wenn der Kummer seine schwarzen Schatten warf.

Doch es endete jäh, was immer währen sollte. Der kleine Hund war unvorsichtig auf die Straße getollt und von einem Auto erfaßt worden, das ihn aus seinem kurzen Leben riß. Damals aß er für Tage nicht, zog sich zurück und trauerte um den für immer verlorenen Freund.

Nur langsam wagte er sich in die Welt zurück, die sich als so grausam erwiesen hatte. Der Familie und den Freunden erschien er bald wie früher, doch er hatte sich verändert. Sein Herz trug eine unsichtbare, kaum vernarbte Wunde, die immer wieder aufbrach.

Er wurde älter, und die Weichen des Lebens wurden gestellt. Die Schule formte ihn in bester Absicht. Er ordnete sich unter und tat ohne Leidenschaft, was man von ihm verlangte. Nichts war einfacher, als sich in dem großen Getriebe einzuordnen, den Platz einzunehmen, der für ihn bestimmt war, sich mitreißen zu lassen und das Erreichte gleichgültig zu akzeptieren.

Nur einen Vorsatz hatte er: verliebe dich nie wieder in etwas, was du verlieren kannst.

Doch wie immer bleibt dem wahren Leben das Unerwartete vorbehalten. Überzeugt von sich und der Richtigkeit seines Handelns, kam er in die Zeit, in der die Natur ihren Tribut forderte. Auf dem Schulweg begegnete ihm ein Mädchen.

Der alte Mann seufzte auf. Weit, weit zurück lag diese Zeit und doch erschien es ihm, als sei alles noch nicht so lange her. Wie jung sie war, sechzehn erst, über sechzig Jahre ist das jetzt her. Und er? Drei Jahre älter war er gewesen.

Sie war ein kleines, zartes Wesen, mit blonden Haaren und blauen Augen. Ihre Lebhaftigkeit faszinierte ihn sofort, schlug ihn in ihren Bann. Sein Herz pochte wild, wenn er sie sah, im Kreise ihrer Freundinnen, munter plappernd und manchmal recht ungestüm herumhüpfend.

Hin- und hergerissen zwischen leidenschaftlicher Liebe zu diesem Mädchen und der Ungewißheit, ob sie denn überhaupt etwas mit ihm zu tun haben wollte, beobachtete er sie immer wieder, sah ihre weißen Zähne blitzen, wenn sie herzhaft lachte, sah ihre Locken wirbeln, wenn sie den Kopf drehte, und er lauschte ihrer klaren, hellen Stimme, die ihn vollends verzauberte. Sein Herz wurde schwer, ganz schwer, und er wurde traurig. Es schien ihm gewiß, daß er sie niemals für sich gewinnen konnte, denn er fühlte sich unwürdig für solch einen Engel. Sie würde ihn nie lieben.

Lange Zeit wagte er es deshalb nicht, sich ihr zu nähern, sie anzusprechen. Doch manchmal gab es Momente, da war er ihr so nah, daß er sie hätte berühren können, wenn er den Mut dazu gefunden hätte. In seinen Träumen stellte er sich ihre gemeinsame Zukunft vor, und sein Verlangen wuchs, sie in die Arme zu nehmen.

Eines Tages begegneten sie sich nach der Schule. Er nahm sich ein Herz und sprach sie an, und sie war nicht so abweisend, wie er geglaubt hatte. Sie kamen sich näher, zaghaft und scheu.

Wild brannte in ihm die Sehnsucht mit ihr durchs Leben zu gehen, doch auch die Angst und der Schmerz, sie zu verlieren, noch bevor er sie richtig gekannt hatte. Er schrieb Verse in ihr Poesiealbum. Erst schrieb er aus Büchern ab, später dichtete er eigene Zeilen, unbeholfen, aber ehrlich. Es rührte sie.

Als sie sich einmal ihrer Gefühle für ihn schämte, klebte sie die Seiten ihres Poesiealbums zu, auf denen er ihr seine Liebe versicherte, so daß die Worte, einem geheimen Schatz gleich, im Verborgenen lagen. Mochte sie nun auch niemand mehr lesen können, sie kannte jede Zeile auswendig, er hatte ihr Herz gewonnen.

Sie feierten ihre Verlobung, warteten ein Jahr und heirateten. Das lange, ungewisse Warten hatte ein Ende. Sie teilten von nun an ihr Leben, jeder war ein Teil des anderen. Die erste Zeit war beschwerlich, im Lande herrschte Not, dann ging es scheinbar aufwärts, doch mit den neuen Machthabern kam auch der Krieg. Sie wurden getrennt. Eine Zeit der Angst begann, sechs Jahre sollte sie dauern. Eine kleine Ewigkeit für sie und ihn. Als er aus der Gefangenschaft zurückkehrte, fingen sie von vorne an. Ihr Leben verlief nun in ruhiger und sicherer Bahn. Ein Jahr folgte dem anderen. Sohn und Tochter wuchsen heran, Zufriedenheit kehrte ein. Die Kinder verließen das Haus, Stille legte sich in die Zimmer, die Zeit der Besinnung kam.

Doch dann erkrankte sie. Die Ärzte schüttelten den Kopf, und er weinte an ihrer Stelle. Als die Schmerzen unerträglich wurden, erhielt sie Morphium. Und eines Tages starb sie.

Der alte Mann seufzte und blickte zum Grab hinüber. Dort lag sie schon ein ganzes Jahr, und sein gebrochenes Herz fand keine Ruhe. Die Wunde war zu tief. Einsamkeit erfüllte ihn, Hoffnung gab es keine.

In der Erinnerung sah er sie vor sich stehen, das kleine Mädchen mit den blonden Locken, die reife Frau und Mutter, die ehrwürdige Greisin. Sie trat auf ihn zu und streckte die Arme nach ihm aus.

Sein Kopf sank müde auf seine Brust. Und der Wind schlich sachte durch die Bäume. Ein Blatt fiel langsam herab und landete sanft auf dem Schoß, wo kalte Hände einen welken Strauß umklammert hielten.

© by the author 7.10.1997