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Gewitter

von Ansgar Sebastian Klein

Schröder fuhr mit seinem neuen Auto mit hoher Geschwindigkeit über die Autobahn. Die Nadel des Tachometers zeigte einhundertachtzig, einhundertneunzig, zweihundert Stundenkilometer an. Der Motor lief ruhig und fehlerlos. Schröder zog an allen anderen vorbei, ließ sie hinter sich auf dem grauschwarzen Asphalt zurück. Vor ihm, auf der linken Fahrspur, die er nicht verließ, wichen die Fahrer aus, wenn sie ihn im Rückspiegel herankommen sahen.

Stolz auf seine Fahrkünste wollte aber bei Schröder nicht aufkommen. Es war eher eine grimmige Entschlossenheit, die ihn über die Autobahn trieb. Er hatte sich fest vorgenommen, nicht an Ursula zu denken. Seit fünf Jahren lebten sie zusammen. Und jetzt hatten sie sich gestritten. Der Streit war über eine Kleinigkeit ausgebrochen, eine Nichtigkeit im Verhältnis dessen, was sonst Paare auseinandergehen läßt. Aber vielleicht war es nur der Auslöser gewesen, schwelte der Konflikt nicht schon viel, viel länger zwischen ihnen? Schröder wußte es nicht. Er hatte nichts bemerkt, nichts empfunden.

Er fuhr jeden Morgen um sechs Uhr ins Büro, arbeitete acht bis neun Stunden. Abends gab es zumeist Arbeitsessen, manchmal auch einen kleinen Empfang. Seine Anwesenheit war erforderlich, denn er arbeitete als einer der Topmanager des Unternehmens. Er mußte informiert sein, alte Kontakte aufrecht erhalten und neue knüpfen. An den Wochenenden besuchte er Tagungen und Kongresse, so wie heute. Nur, heute fiel es ihm schwer zu fahren. Gerade heute, an dem Tag, an dem Ursula ihm gesagt hatte, es sei aus. Einfach so, ohne Vorwarnung.

Schröder umklammerte das Lenkrad. Was war, wenn sie ihre Drohung wahr machte, wenn sie wirklich ging? Würde er ohne sie leben könne, leben wollen. Er konnte es sich nicht vorstellen, wie es sein würde ohne Ursula.

Schröder überlegte, während die Leitplanke an ihm vorüberhuschte. Wie einfach wäre es, jetzt Schluß zu machen. Er brauchte nur ein wenig das Lenkrad zu drehen, und der Wagen, der ansonsten eine gerade Spur zog, würde ins Schleudern kommen, würde von der Fahrbahn geraten und gegen einen der Betonpfeiler prallen. Einen solchen Aufschlag überlebte man nicht. Da half auch kein Sicherheitsgurt mehr. Bei einer so hohen Geschwindigkeit würde ein Unfall mit absoluter Sicherheit tödlich sein.

Schröder testete das Spiel des Lenkrades. Noch fuhr der Wagen ruhig. Die Konstrukteure waren wahre Meister. Das Auto konnte Auto genannt werden, echte deutsche Wertarbeit, kein billiger Import aus Fernost, bei dem er immer das Gefühl gehabt hatte, in einer klappernden Konservendose zu sitzen, die ihm spätestens bei Tempo einhundertfünfzig um die Ohren flog. Schröder lachte laut auf. Hier im Innern des Wagens war von der Geschwindigkeit nichts zu spüren. Nur die Nadel des Tachometers zeigte an, wie schnell er in Wirklichkeit fuhr.

Vor Schröders Augen entfaltete sich das Bild eines Autowracks, zerschmettert. Feuerwehr und Polizei versuchten, in den Trümmern das Leben des Fahrers zu retten, aber es war zu spät. Ein Zinksarg stand für die Überreste bereit. Die Bergungshelfer sind den Anblick gewohnt, doch jedesmal ist es anders, neu für sie.

Wie würde Ursula es aufnehmen? Wäre sie überrascht? Ja, sicher. Das hätte sie nicht erwartet. Froh? Nein, bestimmt nicht. Aber wäre sie traurig über seinen Tod? Schröder wußte es nicht, er konnte sich Ursulas Reaktion nicht vorstellen. War sie ihm doch so fremd geblieben, über all die Jahre hinweg eine Fremde an seiner Seite gewesen?

Nein, die ganze Zeit war sie seine Vertraute gewesen, sein sicherer Halt, wenn irgend etwas nicht klappte, wenn etwas schieflief. Stets konnte er auf sie zurückgreifen, sie war da, wenn er sie brauchte. Und genau deshalb mußte sie bleiben, bei ihm bleiben. Er konnte es nicht zulassen, daß sie einfach ging. Er würde ihren Verlust sofort spüren, es durfte nicht sein. Nein, sie mußte es sich überlegen.

Er rief sich die schreckliche Szene vom Morgen ins Gedächtnis zurück.

"Ich gehe", hatte Ursula gesagt. Einfach so. Ganz ruhig. Beim Frühstück, Schröder war viel zu überrascht gewesen, um zu reagieren. Er hatte seinen Kaffee getrunken, schwarz, wie immer.

"Was soll das heißen?" hatte er dann gefragt.

"Ich verlasse dich." Das war es also.

Hastig war er in den Mantel geschlüpft, während sie am Tisch gesessen hatte.

"Darüber reden wir noch einmal", hatte er gesagt.

Ursula hatte aufgesehen.

"Ich weiß nicht, wozu das gut sein soll."

Schröder hatte versprochen, vom Hotel aus anzurufen, sobald die Besprechung vorbei war. Es war ihr anzusehen, wie sehr sie eine Entscheidung suchte, mit sich rang.

Noch ist nicht alles vorbei", hatte Schröder gedacht, sie hat mich noch nicht abgeschrieben, ich bedeute ihr noch etwas.

"Gut", sagte sie schließlich, "ruf an."

Ein blaues Hinweisschild kündigte die Ausfahrt an. Schröder bremste.

Schwungvoll nahm er die enge Kurve. Für einen Moment sah es so aus, als wolle der Wagen ausbrechen, doch Schröder nahm den Fuß kurz von der Bremse und drückte ihn dann wieder auf das Pedal. Der Wagen hatte zwar ABS, aber er konnte sich nicht daran gewöhnen, nicht selbst in Intervallen zu bremsen. Er bildete sich keineswegs ein, ein guter Autofahrer zu sein, aber er beherrschte es ein wenig besser als die meisten anderen.

An der Ampel stand ein blaues Cabrio. Eine Frau saß am Steuer. Schröder erkannte es an der Frisur, den langen Haaren. Er versuchte ihre Augen in ihrem Rückspiegel zu erkennen, eine Angewohnheit von ihm, ein Spiel, ein harmloser Flirt. Der Spiegel war nicht richtig eingestellt, und so sah er nur ihre Stirn und den Haaransatz.

Die Ampel zeigte Grün. Die Frau fuhr los, bog nach links ab. Schröder mußte nach rechts. Der Verkehr auf der Landstraße war nicht sehr stark. Rasch stellte er sich auf die langsamere Fahrweise um.

Ursula fuhr immer vorsichtig. Frau am Steuer, hatte er einmal gesagt, um sie zu necken. Dabei fuhr sie sicher und schnell zugleich. Sie hatte nicht einmal geantwortet.

War es damals schon vorbei? All die kleinen Zeichen, die das Ende andeuteten, mußte er übersehen haben. Oder gab es sie gar nicht? Doch, es mußte sie gegeben haben. Nicht geschieht ohne Grund, einfach so.

Warum dieser Streit? Und warum jetzt? Schröder konnte sich nicht erinnern, daß es je zwischen ihnen ernsthaften Streit gegeben hatte. Kleinigkeiten, ja, aber nichts, was ihre Zusammenleben bedroht oder gar unwiderruflich zerstört hätte. Vielleicht war es aber gerade diese Tatsache, überlegte er. Nie hatten sie sich richtig gestritten. Stets war einer von ihnen zurückgewichen, hatte den anderen geschont. Geschont? Vor was, oder vor wem? Waren sie nicht eher den Problemen ausgewichen?

Schröder dachte daran, wie er Ursula kennengelernt hatte. Auf einer Geschäftsbesprechung war es gewesen. Sie gehörte der Delegation eines ausländischen Konzerns als Dolmetscherin an, mit dem Schröders Unternehmen einen lukrativen Auftrag vereinbart hatte. Der Abschluß wurde mit einem Essen gefeiert.

Er hatte den ganzen Abend neben ihr gesessen. Ihr sicheres Auftreten und ihre weibliche Eleganz hatte er bereits während der Verhandlungen bewundert, jetzt faszinierten ihn ihr offenes Lachen und ihre blauen Augen. Sie nahm seine Einladung an die Bar an. Nachdem sie etwas getrunken hatten, landeten sie schließlich in seinem Zimmer.

Drei Monate später zog sie bei ihm ein. Ihre Stelle als Dolmetscherin gab sie natürlich auf. Beide hatten es so gewollt. Ans Heiraten dachten sie nicht, und auch nicht an Kinder. Oder war es vielmehr ich, der nicht daran gedacht hatte, fragte sich Schröder, und hatte er das Gleiche einfach bei ihr vorausgesetzt?

Er erreichte das Hotel. Der Wagenmeister nahm den Schlüssel in Empfang und sorgte für einen Kofferträger.

An der Rezeption begrüßte man ihn mit professioneller Höflichkeit. Sein Zimmer sie bereit.

"Ich brauche das Zimmer nicht. Ich reise nach der Besprechung ab", erklärte Schröder spontan.

Der Mann hob verwundert eine Augenbraue.

"Wie Sie wünschen", sagte er nur.

"Ein Herr wartet auf Sie", erklärte er dann.

"Danke", nickte Schröder.

Er ließ sich den Weg zum Konferenzraum zeigen. Man richtete ihm aus, daß der zuständige Firmenangehörige ihn bereits erwartete. Das Briefing. Schröder sah auf die Uhr. Er hatte sich nicht verspätet, war pünktlich. Sollte er jetzt nicht schnell Ursula anrufen? Nein, nicht schnell. Er beschloß, den jungen Mann nicht warten zu lassen. Der Mitarbeiter aus der Firma, ein junger aufstrebender, ausgestattet mit Ehrgeiz und Talent, ein Besessener wie er es selbst einmal gewesen war, rasselte die Fakten und Argumente herunter. Schröder gelang es nicht, sich richtig auf das alles zu konzentrieren, was da auf ihn niederprasselte. Seine Gedanken schweiften zu sehr ab. Vielleicht war es noch nicht zu spät. Der Anruf war seine letzte Chance, das spürte er nur allzu deutlich.

"Herr Schröder!" Der sanfte Tonfall riß ihn zurück.

"Ja, ja", stammelte er, "das haben wir doch alles schriftlich, nicht wahr?"

Der junge Mann wies auf eine zweite Mappe.

"Aber ja. Hier: für Sie."

Die Sitzung begann. Die Luft im Raum war heiß und stickig. Wahrscheinlich streikte die Klimaanlage. Draußen vor dem Fenster beugten sich die Kronen der Bäume leicht unter einem sanften Windstoß. Der Himmel zog sich langsam zu. Dunkle Gewitterwolken schoben sich heran.

Ob sie auf seinen Anruf wartete? Sicher würde sie das, sie hatte es ihm versprochen. Aber wie lange würde sie warten? Er hatte ihr keine Uhrzeit genannt. Das war ein Fehler gewesen.

Möglicherweise hatte sie geglaubt, er meldete sich gleich nach seiner Ankunft im Hotel. Sie konnte sich ausrechnen, wie lange er für die Fahrt brauchte, und nun wartete sie schon eine ganze Zeit lang. Vielleicht wird sie gerade jetzt des Wartens überdrüssig und steht auf und geht. Geht aus meinem Leben, für immer.

Schröder schwitzte. Der Gedanke ans Telephonieren setzte sich fest, brannte sich in sein Gehirn ein. Du mußt sie anrufen, sofort, nicht später, jetzt gleich, wenn nicht, dann verlierst du sie. Abrupt stand er auf. Die Köpfe der Anderen drehten sich zu ihm um, der Redner hörte auf zu sprechen.

"Ja? Herr Schröder?" Der Manager des Geschäftspartners blickte irritiert. "Bitte?"

"Entschuldigen Sie", stammelte Schröder wie benommen, "entschuldigen Sie."

Er stieß den Stuhl zurück, stand auf und verließ den Raum.

Der Gang war leer. Schröder wandte sich in Richtung Lobby. Zunächst konnte er kein Telephon finden. Er mußte den Empfangschef fragen. Dieser wies auf die Kabinen.

"Haben Sie eine Telephonkarte?" fragte der Mann besorgt.

"Ja, ja", rief Schröder ungeduldig, schon davoneilend.

Beide Kabinen waren besetzt. Während er mit der Karte in der Hand wartete, wanderte sein Blick nervös von der einen zur anderen. Er versuchte, die Telephonierenden zu fixieren, aber sie hatten sich abgewandt, als er aufgetaucht war. Sie schirmten ihr Gespräch mit ihrem Körper vor ihm ab und senkten ihre Stimmen. Ihre Antworten wurden einsilbiger, je länger die Belagerung andauerte. Schließlich gab einer auf und beendete sein Gespräch. Er hängte ein und verließ die Kabine, ohne Schröder anzusehen.

Er stürzte hinein. Mit fahrigen Bewegungen schob er die Telephonkarte in den Schlitz. Sie war so gut wie unbenutzt.

Sorgsam tippte er die Nummer ein und überprüfte ihre Richtigkeit auf dem Display. Mit klopfendem Herzen lauschte er dem Freizeichen am Ende der Leitung. Jetzt läutete es bei ihr. Warum nahm sie nicht ab? Wo ist sie nur? Sie hatte versprochen, auf seinen Anruf zu warten, sie wollte doch noch einmal mit ihm sprechen, es war abgemacht gewesen. Endlose Sekunden vergingen, und Schröder schwitzte in der kleinen, warmen Kabine.

"Hallo." Ihre Stimme. Gottlob, sie war noch da.

"Ursula", begann Schröder und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, "Ursula, ich bin es."

Die folgende Stille beängstigte ihn wieder. Hatte sie womöglich aufgelegt?

"Ach, du", hörte er sie dann sagen.

"Wir wollten doch telephonieren", erinnerte er sie, "es war so ausgemacht."

"Ja."

"Was du da heute morgen gesagt hast", steuerte er direkt das heikle Thema an, "das meinst du doch nicht wirklich, oder?"

Sie antwortete nicht.

"Du willst mich doch nicht wirklich verlassen?" fuhr er hastig fort, "das hast du doch nur so gesagt, nicht wahr?"

"Ich weiß nicht", wich sie aus.

"Liebling", säuselte Schröder. Sie hatte sich noch nicht entschieden. Er fühlte, daß Hoffnung in ihm aufstieg.

"Ich bin mir nicht sicher", hörte er sie sagen, "ich bin immer so allein."

"Das hat dir doch sonst nichts ausgemacht", blaffte er in die Sprechmuschel und erschrak gleichzeitig über seine undiplomatische Heftigkeit.

"Ich meine, du hast dich doch noch nie beklagt", setzte er hinterher.

"Es ist nur...", ihre Stimme erstarb.

"Ursula, Schatz", drängte Schröder nun, "weißt du was? Ich werde gleich nach dieser Besprechung hier zu dir nach Hause kommen. Den Termin morgen kann mein Kollege erledigen. Der braucht mich gar nicht."

Es erfolgte keine Reaktion von ihr.

"Hast du gehört?" Er lauschte angestrengt.

"Ja, gut, einverstanden." Ihm fiel ein Stein vom Herzen.

"Ich komme sofort nach der Besprechung", wiederholte er noch einmal zur Sicherheit.

"Ja, in Ordnung", bestätigte sie.

Glühend heiß fiel ihm noch etwas ein.

"Und Ursula...?"

"Ja?"

"Ursula, denk daran, ich liebe dich."

Er hörte ein leises Geräusch, es klang wie ein Aufschluchzen am anderen Ende der Leitung.

"Bis bald, Liebes", sagte er.

"Bis bald", erwiderte sie mit zitternder Stimme.

Schröder hängte den Hörer ein und lehnte sich an die Kabinenwand. Sein Herz schlug heftig, ganz so als habe er sein Fitnesstraining hinter sich.

Er entnahm die Telephonkarte und verließ die Zelle. Gedankenverloren ging er durch die Lobby und fand sich bald vor der Tür des Konferenzraumes wieder.

Die Diskussionen über Umsätze und Renditen, über Laufzeiten und Zinsen, alles nur Zahlen über Zahlen, sie kamen ihm auf einmal so sinnlos vor. Was wirklich zählte, das war nicht in Ziffern auszudrücken, nicht mit Computern zu errechnen.

Als seine Hand auf der Klinke lag, zögerte er. Er brauchte diese Konferenz im Grunde nicht, aber Ursula brauchte ihn. Und noch viel mehr brauchte er sie.

Kurz entschlossen lief er den Flur hinunter. Raschen Schrittes durchquerte er das Foyer und schob die schwere Drehflügeltür vorwärts. Nieselregen empfing ihn, als er um das Hotel herum seinen Wagen suchte. Er fand ihn und tastete mit feuchten Händen nach dem Schlüssel.

Er schob sich hinter das Steuer, zog gleichzeitig die Tür zu und steckte den Schlüssel in die Zündung. Der Wagen startete augenblicklich. Das Geräusch des Motors wirkte beruhigend auf ihn. Er war auf dem Weg, unterwegs zu ihr.

Erst als er an der Einmündung zur Straße warten mußte, bemerkte er den Regen und schaltete die Scheibenwischer ein. Die meisten Autos fuhren mit Licht, es war dunkel geworden. Blätter wirbelten über den nassen Asphalt. Sturmböen fegten durch die Wipfel der Bäume, und ein Blitz erhellte für einen Augenblick den blauschwarzen Himmel. Dicke Tropfen schlugen mit dumpfem Geräusch auf das Dach, produzierten ihren eigenen Rhythmus.

Schröder näherte sich der Kreuzung vor der Autobahnauffahrt. Die Ampel zeigte Rot, sprang jedoch auf Grün, als er sie erreichte. Rasch bog er links ab und fuhr einen weiten Bogen, der ihn auf die Beschleunigungsspur brachte. Er trat auf das Gaspedal und fädelte sich in den stetigen Verkehrsfluß ein.

Es würde nicht mehr lange dauern, dann würde er ihr gegenüberstehen, sie in die Arme nehmen. Sie würden sich küssen, sich aussprechen. Er würde ihr versprechen, fortan mehr für sie dazusein. Vielleicht könnten sie eine Reise machen, sie beide ganz allein, ohne Telephon, ohne Fax. Einfach Urlaub machen, Zeit füreinander haben.

Der Wagen schoß über die Autobahn, und der Kilometerzähler drehte sich unaufhörlich. Kilometer für Kilometer kam er ihr näher. Ob sie ihn schon erwartete? Nein, sie rechnete sicher erst spät mit ihm.

Der Regen nahm zu. Schröder starrte durch die Windschutzscheibe, auf der die Wischer mit monotonem Geräusch hin- und herglitten. Auf der rechten Fahrbahn erschien eine schwarze Kolonne, ein Konvoi schwerer Lastwagen, deren Rücklichter in der Dunkelheit rot glommen wie eine Reihe von Grableuchten in der Nacht.

Schröder näherte sich ihnen auf der linken Fahrbahn, um zügig an ihnen vorbeizufahren, als ein Wagen auf der Beschleunigungsspur einer Einfahrt auftauchte. Hinter dem letzten Truck fuhr er auf die Autobahn auf. Schröder registrierte es mit einem kurzen Blick, Er würde erst ihn und dann die dicht auffahrende Kolonne überholen.

Plötzlich scherte der Wagen aus und wechselte direkt vor Schröder die Seite. Für einen Moment war Schröder überrascht, dann trat er auf die Bremse, während er mit höherer Geschwindigkeit auf seinen neuen Vordermann zuraste.

Die Räder blockierten. Auf dem nassen Asphalt geriet das Fahrzeug ins Schleudern. Schröder riß das Steuer herum, versuchte gegenzulenken. Der Wagen schien sich querstellen zu wollen, doch im nächsten Augenblick schoß er auf die Mittelleitplanke zu, prallte dagegen und wurde auf die Fahrbahn zurückgeworfen. Schröder bekam einen heftigen Schlag, sein Kopf knallte gegen den Rahmen der Tür, ein heftiger, stechender Schmerz durchzuckte ihn, und er verlor jegliche Kontrolle über seinen Körper. Das Steuer entglitt ihm aus den Händen.

Der ungebändigte Wagen überschlug sich zweimal und rutschte funkensprühend in einen Graben am Rande der Autobahn. Dort ging er in Flammen auf und brannte völlig aus.

© by the author 10.10.1997