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Fogrfyr der Magier
von Ansgar Sebastian Klein
Schon eine Stunde saß Fogrfyr in dem kleinen Zimmer oben unter dem Dach des Wirtshauses. Bisher hatte er sich vergeblich bemüht, die Kosten für die Übernachtung herbeizuzaubern. Es wollte ihm einfach nicht so recht gelingen.
In diesem Augenblick schwebte gerade eine grau-weisse Wolke über dem Tisch und gleich darauf, als sie sich auflöste, sah man ein Knäuel Nähgarn. Vor dem Magier stapelte sich schon eine ansehnliche Menge von Gegenständen, aber leider nur wertloser Plunder. Da waren unter anderem ein Knopf, ein Gänseblümchen, eine Taubenfeder, eine Scherbe, jedenfalls nichts, womit er die Übernachtung und das Essen hätte bezahlen können, und gegessen hatte er mehr als reichlich.
Langsam geriet Fogrfyr ins Schwitzen. Der Wirt unten sah nicht so aus, als ob er Spaß verstehen würde. Fogrfyr konzentrierte sich erneut. Diesmal würde es klappen, dessen war er sich sicher, es mußte einfach. Er konnte schließlich nicht ewig dort oben sitzen.
Die Hände auf den Tisch gelegt, die Augen geschlossen, bemühte Fogrfyr sich, Konzentration zu finden. Bald erschien über dem Tisch eine grüne Wolke. Verbissen arbeitete er, Schweiß trat auf seine Stirn.
In diesem Moment polterte jemand die Treppe hinauf. Schritte kamen näher, und es klopfte an die Tür.
"Holla, seid Ihr noch da?", tönte die rauhe Stimme des Wirtes.
Aus der grünen Wolke schoß ein grüner Blitz, nicht größer als ein Mittelfinger.
Fogrfyr ließ sich nicht ablenken.
Der Wirt aber ließ ebenfalls nicht locker. Er trommelte mit den Fäusten gegen die Tür und stieß dabei derart unanständige Flüche aus, daß Fogrfyr schamrot zusammenzuckte.
Der Magier nahm eine Hand vom Tisch und machte eine wegscheuchende Handbewegung gegen den hinter der Tür lärmenden Wirt. Zwei kleine weiße Blitze zuckten durch den Raum und blieben mit einem dumpfen Geräusch, Wurfmessern gleich, zitternd im Holz stecken.
Erschrocken schaute Fogrfyr auf und blickte erst zur Tür und dann auf seine Hände. Von so einer Wirkung hatte er noch nichts gewußt.
Inzwischen war die grüne Wolke verschwunden, und auf dem Tisch wurde ein blauer Laubfrosch sichtbar. Er plusterte sich auf und setzte zum Quaken an.
"Muuuuh."
Fogrfyr starrte überrascht auf den Frosch. Hinter der Tür war es ruhig geworden.
"Sag doch gleich, daß du noch da bist", knurrte der Wirt draußen und stiefelte wieder die knarrende Treppe hinab.
Der Magier raufte sich die Haare. Wie war er bloß in diese vertrackte Situation hineingeraten?
Angefangen hatte es am Tag vorher. Da war Fogrfyr noch guten Mutes über das Land gewandert. Früh morgens hatte er seinen längeren Aufenthalt beendet und die große Stadt verlassen, um sein Glück in einer der zahlreichen anderen Städte zu versuchen. Nach einer bestimmten Zeit zog es ihn stets einfach weiter; an einem Ort für immer zu bleiben, sich niederzulassen und gar einen Hausstand zu gründen, paßte nicht zu Fogrfyr, das war nicht sein Leben. Das bestand aus Wandern, dem Ungebundensein.
An besagtem Tag also hatte ihn sein Weg hinaus aus den engen Stadtmauern geführt. Fogrfyr strebte nach Süden und legte bis zum Mittag eine ordentliche Strecke zurück. Bei Bauern auf einem weiten Feld rastete er für eine Weile, um gestärkt den Marsch wieder aufzunehmen. Die Landschaft wurde immer einsamer, doch das focht den Magier nicht an. Allerdings verdunkelte sich zunehmend der Himmel. Graue Wolken zogen sich bedrohlich zusammen, und das konnte nichts Gutes verheißen.
Ein ausgetretener Pfad führte vom Hauptweg zu dem nahen Waldrand und mit einem sorgenvollen Blick nach oben betrat Fogrfyr ihn, um unter den Bäumen Schutz vor dem jeden Augenblick hereinbrechenden Regen zu finden. Als er die ersten Tannen erreicht hatte, sah der Magier, daß die schmale Linie keineswegs, wie er gedacht hatte, am Waldsaum entlang weiterverlief, sondern schnurstracks im Wald verschwand.
Neugierig schritt Fogrfyr zwischen die Bäume und folgte dem immer weniger zu erkennenden Trampelpfad. Über ihm rauschten die mächtigen Wipfel wie in einem starken Sturm, und der Magier meinte auch, dann und wann einen Regentropfen zu spüren.
Mit einem Male öffnete sich der Wald, und der kleine Pfad mündete in einen breiten, höher gelegenen Waldweg, welcher parallel zur Landstraße zu laufen schien. Regenschauer peitschten durch die Schneise, und Fogrfyr wandte sich in südliche Richtung. Dabei bemühte er sich unter dem Dach der Bäume zu bleiben, doch das erwies sich als äußerst schwierig, denn in den tiefen Gräben entlang des Straßendamms sammelte sich das vom Himmel stürzende Wasser und verwandelte den Boden in Schlamm und Morast.
Fogrfyr hütete sich, einen Zauber einzusetzen, denn das Wetter hatte seine eigenen Gesetze. Als er das letzte Mal versucht hatte, sich einen Regenschutz herbeizuzaubern, war alles noch viel schlimmer geworden und statt Regen hatte es plötzlich Hagel gegeben. Es war ihm noch allzu gut in Erinnerung, wie sich sein Körper mit den vielen blauen Flecken angefühlt hatte, die die dicken Eiskörner verursacht hatten. Damals rettete er sich in eine Höhle, in der sich aber leider schon ein riesiger Bär einquartiert hatte, der nicht die geringsten Anstalten machte, ungebetenen Besuch freundlich aufzunehmen. Erst als Fogrfyr in seiner Not statt des beabsichtigten Lähmungszaubers einen äußerst beeindruckenden Feuerwerkszauber losließ, flüchtete das braune Ungetüm, so daß der Magier endlich zitternd und bibbernd in dessen dunkler Behausung vorübergehend Unterschlupf fand.
Dies wollte Fogrfyr auf keinen Fall noch einmal riskieren, und also rannte er durch die Fluten und den Matsch. Besser naß als erschlagen oder gefressen, dachte er.
Nach einer kleinen Ewigkeit glaubte er durch die grauen Schleier in der Ferne ein Licht schimmern zu sehen. Als er näher kam, erkannte er eine Laterne, die neben der Tür eines am Wegrand liegenden Wirtshauses hing. Das Gebäude war in gutem Zustand, so weit Fogrfyr das bei dem um ihn herum tosenden, schlechten Wetter beurteilen konnte. Über der schweren Holztür prangte ein säuberlich bemaltes Schild, auf dem in akkurater Schrift der Name der versteckt im Wald liegenden Herberge stand:
ZUR ZWERGENSAUSE.
Der Magier runzelte die Stirn und klopfte beherzt an. Da nichts geschah, schlug er erneut gegen das harte Holz. Seine klammen Finger fühlten keinen Schmerz, doch Fogrfyr sah, daß seine Knöchel aufgerissen waren. Verärgert stieß er mit den Füßen gegen die Tür. Schließlich öffnete sie sich, und der bärtige Wirt ließ ihn ein.
Die Wärme in der Stube und ein heißes Getränk weckten seine schon fast verloren geglaubten Lebensgeister. Der Wirt hatte ein Zimmer frei, und Fogrfyr quartierte sich ein, nachdem er ein üppiges Abendmahl mit viel frischem Bier verschlungen hatte.
So war er in die vertrackte Situation gekommen, in der er sich jetzt befand.
Das Problem bestand darin, daß Fogrfyr das Essen und die Übernachtung nicht bezahlen konnte. Die letzten Münzen hatte er in der Stadt ausgegeben. Er hatte gehofft, im nächsten Ort ein wenig Geld zu verdienen. Auf den Marktplätzen ließen sich immer ein paar einfache Zauberkunststücke vorführen, die er ohne größere Schwierigkeiten beherrschte. Manchmal ging zwar etwas daneben, aber er entwickelte mit der Zeit das Geschick, eine Panne als gewollt darzustellen.
Fogrfyr stand auf und trat ans Fenster. Draußen grüßte ein heller Morgen. Der Wald auf der anderen Seite des Weges sah erheblich freundlicher aus als in der dunklen, stürmischen Nacht zuvor. Doch wie sollte es jetzt weitergehen, was würde geschehen?
Der Magier beschloß, erst einmal in die Wirtsstube hinunterzugehen und ein wenig zu essen. Vielleicht fiel ihm in der Höhle des Löwen ein Ausweg ein. Im äußersten Notfall konnte er versuchen, zu flüchten.
Also schritt er energisch zur Tür und versuchte, sie zu öffnen. Er rüttelte wild daran, doch sie bewegte sich nicht. Ein wenig irritiert hielt Fogrfyr inne, bis sein Blick schließlich auf das Schloß fiel. Dort steckte der Schlüssel, mit dem er die Tür gestern abend sorgfältig verschlossen hatte.
Er drehte den ihn um und die Tür ließ sich problemlos öffnen. Als er sich zur Treppe wandte, hörte er die Stimme des Wirtes aus der Schankstube.
"Und versuch das nie wieder...", tönte der Baß seines Gastgebers, "sonst..."
Es folgte ein dumpfer Schlag, ein schepperndes Geräusch, ein Stöhnen, dann wurde eine Tür geöffnet und wieder geschlossen.
Fogrfyr schluckte, machte sich dann aber an den Abstieg.
Der grobschlächtige Wirt blinzelte mißtrauisch gegen den Magier, der selbstbewußt ein unsichtbares Stäubchen von seiner Kleidung wischte und die Schankstube betrat.
"Ah, guter Mann", begann Fogrfyr höflich, "ein Frühstück wäre mir sehr recht."
"So", brummte dieser nur.
"Es muß ja nicht viel sein", fuhr der Magier fort, "aber es sollte eine Strecke reichen. Schließlich muß ich bald weiter."
Der Wirt glotzte ihn an und sagte nichts.
"Ja", meinte Fogrfyr und sah sich um, "ich setze mich hierher." Er wies auf einen der Tische.
Wortlos drehte sich der Wirt um und verschwand in der Küche.
Fogrfyr nahm Platz und harrte der Dinge. Neugierig musterte er seine Umgebung.
Kurz darauf kam der Wirt zurück, in der einen Hand einen Krug Wein, in der anderen einen gefüllten Teller.
"Herzlichen Dank", sagte Fogrfyr und langte unter den wachsamen Augen des Bärtigen ordentlich zu. Was hatte er zu verlieren?
Als er das herzhafte Frühstück beendet hatte, lehnte er sich zurück.
"Das tat gut", äußerte der Magier zufrieden.
"Ihr wollt heute weiter", knurrte der Wirt miesgrämig.
"Äh, ja, das heißt...", stotterte Fogrfyr und wurde rot, "also eigentlich... Ich weiß es nicht."
"Ihr wißt es nicht?", stieß der Wirt nach.
"Nun ja", wand sich Fogrfyr, "vielleicht reise ich noch nicht jetzt ab, sondern erst später, gegen Mittag möglicherweise."
"Vielleicht? Möglicherweise?", brauste der Bärtige auf, "was soll das heißen?"
Fogrfyr machte den Mund auf und wollte gerade etwas entgegnen, als ein dumpfes Platschen ihm zuvorkam.
"Muuuh", tönt es von oben.
Verflixt, dachte der Magier, da habe ich doch die Tür offengelassen, und dieser Frosch hüpft mir nichts, dir nichts aus dem Zimmer und blökt herum.
Der Wirt blickte verdutzt zur Treppe, während Fogrfyr krampfhaft nach einem Ausweg suchte.
"Herr Wirt", begann er, während der Bärtige sich ihm zuwandte, "es ist so..."
"Was ist das?", brüllte dieser dem völlig erschreckten Magier ins Gesicht.
"Das... das ist", stammelte jener nun blaß, "...ein sehr wertvolles Tier!"
"Dieses Geblöke?", fauchte der Wirt, doch Fogrfyr hatte sich wieder gefaßt.
"So hört, was ich Euch zu sagen habe", wisperte er verschwörerisch und winkte ihn herbei.
Der Wirt neigte sich zu ihm herunter, damit er besser verstehen konnte.
"Es handelt sich hier um einen Krusch", erklärte Fogrfyr mit ernster Mine, den Zeigefinger eindringlich in der Luft haltend.
In diesem Augenblick hüpfte der Frosch munter die Treppe herunter. Unten angekommen plusterte er sich auf, gab aber keinen Laut von sich.
Gespannt starrten Magier und Wirt auf das Tier, das ihnen aus kalten Augen entgegenglotzte. Er schien es für eine Art Duell zu halten: wer sich zuerst bewegt, verliert.
"Das ist ein Frosch, ein einfacher Frosch", wetterte der Wirt schließlich.
"Muuuh", tönte es von der Treppe wie ein Siegesgeheul.
"Mitnichten", widersprach Fogrfyr, "wie Ihr hört oder vielmehr nicht hört, quakt er nicht."
"Nicht, nicht?", brummelte der Bärtige.
"Genau", sagte der Magier ungerührt, "er ist eine besondere Züchtung. Ein Krusch, das ist ein Wachfrosch."
"Wie?" Verdattert drehte sich der Wirt um.
"Er wird in eigens dafür präparierten Gewässern aufgezogen. Man braucht viel Zeit und viel Pflege für so ein äußerst wertvolles Geschöpf", plauderte Fogrfyr, der allmählich in Fahrt geriet.
"Diese Krusche sind weitaus wachsamer als Hunde und", der Magier lächelte gewinnend, "sie vertreiben dank des Überraschungseffektes jeden Einbrecher."
Der Wirt kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. Er wußte anscheinend immer noch nicht, was er von dem mysteriösen Tier und dem Fremden halten sollte.
"Ich denke", fuhr der Magier fort, "Ihr habt einen Hund und seid zufrieden."
Stumm nickte der Bärtige.
"Seht, die Sache ist so", wand sich Fogrfyr, "ich habe es eilig und muß dringend weiter. Nun verträgt ein Krusch aber keine raschen Ortswechsel, er ist vielmehr an ein Domizil gebunden. Wenn er einmal in einem Haus ist, will er nicht wieder fort."
Er blickte sein Gegenüber an und zuckte bedauernd mit den Achseln.
"Jetzt sitzt er hier auf Eurer Treppe", seufzte er, "das heißt, er wird hierbleiben wollen."
Mit einem Male kam Bewegung in den Wirt. Seine Augen bewegten sich zwischen Magier und Frosch hin und her. Ein gieriger Ausdruck breitete sich auf seinem Gesicht aus.
Innerlich atmete Fogrfyr auf. Endlich reagierte dieser Esel.
"Ihr meint, er möchte hierbleiben?", fragte der Bärtige.
"Ich denke schon", meinte der Magier, "aber er ist eigentlich zu wertvoll, um ihn einfach so zurückzulassen."
"Wie teuer wäre er denn?", wollte der Wirt wissen und rieb sich die Hände.
"Ihr wollt ihn kaufen?" Fogrfyrs Stimme klang überzeugend überrascht.
"Ja, wenn Ihr Euch von ihm trennen müßt", heuchelte der Wirt Mitleid.
Der Magier wog den Kopf, tat, als müsse er sorgfältig überlegen.
"Ihr habt recht", stimmte er zu, "er hat sich schon an das Haus gewöhnt. Er würde nicht mehr wegwollen."
"Wieviel?", knurrte der Wirt.
"Wißt Ihr, Ihr seid ein guter Mensch und so tierlieb dazu", flötete Fogrfyr, "ich mache Euch ein faires Angebot: zehn Geldstücke wären eigentlich angemessen, aber Ihr sollt ihn für sieben Euer Eigen nennen."
"Sieben", wiederholte der Wirt mißtrauisch.
"Gut, sagen wir sechs", lenkte Fogrfyr ein und beobachtete den Denkenden.
"Fünf, und Ihr zahlt bei mir nichts", bot der Wirt an.
"Einverstanden", freute sich Fogrfyr.
Der Bärtige ging in seine Kammer und kehrte bald mit dem Geld zurück. Langsam zählte er die Münzen dem Magier in die Hand, der sie wie nebensächlich einsteckte.
"Ich hole meinen Beutel und breche dann auf", bemerkte er. Als er die Treppe erreichte, blökte der Frosch.
Fogrfyr brauchte nicht lange, und bald schloß sich hinter ihm die Tür. Reinen Gewissens schlug er den Weg nach Süden ein.
© by the author 11.12.1999